Was uns innere Sicherheit schenkt
- Janine Estermann
- vor 42 Minuten
- 6 Min. Lesezeit
Was hilft wirklich, wenn dich ein Gespräch, ein Blick oder eine Situation innerlich aus dem Gleichgewicht bringt. Viele glauben, sie müssen irgendetwas machen. Doch was, wenn du gar nichts tun müsstest? Dein sicherer Raum in dir ist zum Glück immer da.

Der Moment, wenn es unsicher wird
Diese Momente kennst du sicher. Du bist in einem Gespräch und merkst, dass sich etwas verändert. Die Stimmung ist plötzlich angespannter. Die Tonlage deines Gegenübers hat einen Unterton, der dich irritiert oder ein Satz geht dir näher, als du möchtest. Noch während du versuchst zu verstehen, was genau geschieht, reagiert dein Körper bereits.
Achtung, hier geschieht gerade etwas, was beunruhigt, meldet dein autonomes Nervensystem und sendet einen Alarm in alle wichtigen Reaktionszentren. Diese Bewertung geschieht in Sekundenbruchteilen, noch bevor du bewusst verstehst, was hier gerade geschieht und deine ersten Handlungen greifen schon ins Geschehen ein, ohne dass du die Szenerie wirklich in Ruhe einordnen konntest.
Vielleicht wirst du bestimmter in deiner Stimme, erklärst dich schneller als gewollt oder du ziehst dich innerlich zurück und sagst weniger, als du eigentlich sagen wolltest.
Und gleichzeitig reagiert auch dein Körper. Dein Atem wird flacher, die Körperspannung erhöht sich und etwas in dir fühlt sich eng an. Vielleicht zieht sich dein Bauch zusammen, dein Brustraum wird fester oder dein Nacken beginnt zu verhärten. Deine Schultern heben sich unmerklich, dein Kiefer spannt sich an, deine Hände werden kühler, unruhiger oder in dir entsteht Wärme. Es kann sich auch anders anfühlen, doch so oder ähnlich macht sich dein Körper ready für den Notfall, bevor du bewusst verstehst, wofür eigentlich.
Weg vom Tun, hinein in das Sein
Später sitzt du da und wunderst dich, warum dich genau diese Situation noch beschäftigt. Warum sie dich Stunden oder Tage später innerlich bewegt. Du spielst sie nochmals durch und fragst dich, was dir in solchen Momenten wirklich helfen würde. Denn das kennst du bereits aus vielen anderen Momenten in deinem Leben.
Wir leben in einer Zeit, in der Nervensystemregulation ein viel gebrauchtes Wort ist. Überall wird davon gesprochen. Schütteln, klopfen, zittern, Schmetterlingsumarmung, atmen und andere Techniken anwenden. Ja, das kann unterstützend sein. Doch es hilft im Danach, wenn alles bereits vorbei ist. Doch es gibt etwas das bereits vorher wirkt, damit du nicht nachher noch etwas tun, nachregulieren musst. Dieses Etwas ist dein Ort der inneren Sicherheit.
Um es gleich vorneweg zu nehmen, auch auf die Gefahr hin zu enttäuschen: Innere Sicherheit bedeutet nicht, dass keine unangenehmen Gefühle mehr auftauchen, die wir wegatmen, wegschütteln oder wegklopfen müssen. Sie bedeutet auch nicht, dass dich nichts mehr berührt. Innere Sicherheit ist der Ort in dir, der dich mitten im Sturm unterstützt, präsent und handlungsfähig zu bleiben. Er ist frei von Drama, doch nichts, was über den Kopf gelebt wird. Es ist kein Schutzschild und kein Rückzug aus deinem Leben. Dafür ist er in deinem Körper spürbarer und fühlt sich an wie dein inneres Zuhause. Und egal wie es draussen tobt, er bleibt einfach da. Dein Wurzelwerk, das dich stabil hält, wenn es in deiner Baumkrone schüttelt.
Wenn du mit deinem inneren Raum in Kontakt bist, musst du auch nichts tun, damit es endlich wieder aufhört zu stürmen. Du musst dich nicht beruhigen, noch einen Schutzkreis ziehen oder etwas besser machen. Nicht noch mehr tun. Denn genau dieses Tun verstärkt oft erneut das System, das ohnehin schon Alarm schlägt. Und klar, wenn dich ein Tiger angreift, dann renn so schnell du kannst. Aber oft schlägt es eben nicht wegen eines Tigers an, sondern weil unangenehme Gefühle auftauchen.
Je mehr du deinen sicheren Raum kennenlernst, dürfen Wut, Angst, Traurigkeit oder ein Kampfimpuls da sein. Du kannst sie durch dich fliessen lassen und im Körper spüren, was sie dir zeigen wollen. So spürst du plötzlich klar, um was es wirklich geht, was deine Bedürfnisse darin sind.
Und deshalb bedeutet Selbstregulation auch nicht, etwas zu tun, damit es uns besser geht, sondern, etwas in uns entstehen lassen, damit wir eine sichere Beziehung zu uns selbst bekommen.

Grenzen und Verbindung aus deinem Safe Space leben
Durch diese sichere Beziehung mit dir kann sich alles verändern. Sie ermöglicht es dir, deine wahren Bedürfnisse und Grenzen zu spüren und auch die deines Gegenübers anzunehmen. Mit ihnen zu sein und sie ohne Angst auszusprechen. Von hier aus kannst du ‘Nein’ sagen, wenn es für dich nicht stimmig ist. Hier spürst du, was du brauchst und kannst es auch mitteilen. So werden deine richtigen Bedürfnisse auch nicht mehr zum Spielball von Kompromissen. Statt dich dafür zu rechtfertigen, zu verteidigen oder sie aufzugeben, werden sie selbstverständlich.
Mit dieser Selbstverständlichkeit können wir es auch anderen zugestehen. Wir können selbst im Konflikt gesunde Beziehungen leben. Egal ob in Freundschaften, Beziehungen, auf der Arbeit oder in der Schule. Sogar mitten im Konflikt. Auch dann, wenn um Lösungen gerungen wird oder wenn gerade keine Lösung gefunden wird.
Aus diesem Safe Space in dir entsteht eine Flexibilität und gleichzeitig Stabilität, wie die eines gut verwurzelten Baumes. Der bricht auch nicht beim kleinsten Sturm. Auch wenn es in den Kronen wackelt, so halten die Wurzeln in der Tiefe der Erde. Sie schenken dir Vertrauen und lassen dich beweglich bleiben, ohne dauernd reagieren oder etwas reparieren zu müssen.
Zum Beispiel wenn du zuhause bist und dein Kind gerade voller Wut am Boden liegt und schreit. Statt, dass es dich mitreisst, du innerlich am liebsten fliehst oder versucht irgendwie dein Kind zu beruhigen, schenkst du zuerst dir selbst diesen sicheren Kontakt. Von hier aus spürst du die Hitze in dir, die Enge in deinem Bauch, der Impuls etwas zu tun. Und gleichzeitig bleibt etwas in dir ruhig. Dies ist auch der Ort, von dem die Co-Regulation für dein Kind möglich wird, ohne etwas für das Kind tun zu müssen. Einen sicheren Raum für euch beide.
Oder du sitzt in einem Meeting, in der Schule und jemand stellt deine Arbeit in Frage. Du merkst, dass dein Körper kurz in Alarm geht. Doch du verlierst dich nicht darin. Du beobachtest deine Körperreaktionen, deine Gedanken, deine Gefühle und gleichzeitig kannst du präsent sein. Von hier aus kannst du angemessen in Kontakt gehen mit der Kritiker:in.
Deine innere Sicherheit führt dich in eine andere Präsenz. In ein klares ‘Ich bin da.’ Du wirst sichtbar. Und du schenkst auch anderen deine Sichtbarkeit für das, was gerade da ist. In dir und um dich. Das ist es, was schon ein kleines Baby im Mutterbauch sucht und braucht. Und das wird bis zuletzt bei uns bleiben: “Siehst du mich? Ich sehe dich” Gesehen und berührt werden durch deine innere Sicherheit.
Für deinen Alltag: Über deinen Körper zurück in Verbindung
Du musst kein perfektes Übungssetting schaffen und auch nicht erst auf den nächsten ruhigen Moment warten. Natürlich lege ich dir eine professionelle Begleitung ans Herz, die neben fundiertem Nervensystem- und Traumawissen selbst Sicherheit verkörpert und dir gelebte Präsenz, Verbindung und einen klaren Umgang mit Grenzen anbietet, besonders wenn dich dieses Thema im Alltag immer wieder herausfordert.
Doch für den Anfang ist dein Alltag ein wunderbares Spielfeld. Dafür braucht es keinen perfekten stillen Ort. Jeder Moment bietet sich dir an. Egal, ob es eine Herausforderung mit deinen Kindern ist, deiner Freundin, mit deinem Partner, eine unschöne Begegnung beim Einkaufen oder eine Situation in deinem Berufsalltag.
Wenn du spürst, dass eine Situation im Aussen oder in dir dich überfordert und du dich unsicher fühlst, dann richte deine Aufmerksamkeit auf dein somatisches Spüren.
Eine Übung für deinen Alltag
Setz deinen Forscherinnenhut auf und nimm deine Neugierde mit. Egal was sich zeigt, du musst nichts verändern, nichts bewerten. Wir schauen nur interessiert hin.
1. Orientierung im Aussen
Lass deinen Blick langsam durch den Raum wandern, ohne zu bewerten. Wo bin ich gerade? Was ist da? Drehe den Kopf sanft nach rechts und links, nimm auch den Raum hinter dir wahr, schau nach oben und unten. Registriere Formen, Farben, Licht, Geräusche. Es geht nicht ums Analysieren, sondern ums neugierige Wahrnehmen.
2. Orientierung im Innen
Lenke deine Aufmerksamkeit danach nach innen. Was ist im Körper spürbar? Enge oder Weite, Wärme oder Kühle, Anspannung oder Lebendigkeit? Vielleicht Ruhe. Vielleicht kaum etwas. Alles ist in Ordnung. Bleibe freundlich und interessiert mit dem, was sich zeigt. Du musst nichts bewerten und nichts kategorisieren, sondern einfach nur in seinen Qualitäten erforschen.
Dieses Sein im Moment kannst du überall und jederzeit machen. Auch mitten im Gespräch. Sie schenkt dir Sicherheit für das, was da ist.
Dein Körper kennt den Weg zurück in deinen inneren sicheren Raum.

Janine Estermann
Traumaintegration Somatic Experiencing & Nervensystemregulation Expertin. Mentorin, Coachin und Trainerin für starkfeine Frauen. Stark im Aussen und fein im Innen.
Forschende im Menschsein
Fackelträgerin für sichere Begegnungsräume
Liebhaberin des lebendigen und in allen Facetten gelebten Lebens.




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