Mutter sein, ohne sich zu verlieren – ein Brief an alle, die es versuchen
- Tanja Suppiger
- 15. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Die Sache mit dem Frausein war lange Zeit ziemlich tricky für mich. Und weisst du was? Ich würde es unglaublich funny finden, wenn ich heute, mit meinen 47 Jahren, vor der jüngeren Version von mir stehen könnte. Sagen wir mal: vor der 22-jährigen Tanja.
Ich glaube, die würde ziemlich komisch aus der Wäsche schauen und sich fragen, was in diesen Jahren alles falsch gelaufen ist mit mir.
Doch eigentlich ist da gar nichts falsch gelaufen. Im Gegenteil. Aber dazu kommen wir am Schluss.
Dieser Text hier geht an alle Frauen, die sich in irgendeiner Form mit der Mutterwunde beschäftigen. Und irgendwann, so hoffe ich, klärt er auch die Frage, was das alles mit Mädchenkreisen zu tun hat.

Was ich nicht werden wollte
Mein Plan war lange klar: bloss nicht so werden wie die Frauen, mit denen ich gross wurde. Ich bin nicht aufgewachsen mit einem Frauenbild, das mir vermittelte, es würde sich lohnen, Frau zu sein.
Was ich sah, war: Frauen kriegen „nur" Kinder. Und gehen darin verloren. Frauen werden müde, klein, leise. Frauen verschwinden in einem Leben, das sie sich nicht selbst ausgesucht zu haben scheinen.
Meine Mutter und meine Grossmutter prägten dieses Bild. Vor einigen Jahren schenkte mir meine Tante ein altes, vergessenes Fotoalbum meiner Grossmutter. Aus der Zeit, bevor sie meinen Vater geboren hat. Ich sah darin eine junge, lebenslustige Frau, die von zu Hause wegzog, um die Welt zu sehen. Die selbstständig war als Friseurin und offensichtlich das Leben genoss.
Ich wunderte mich.
Und fragte mich, was dazwischen passiert wäre. Denn ich nahm als Kind meine Grossmutter sehr lethargisch wahr. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sie mir mal aus ihrem Schrank einen feinen Gürtel herausnahm. Und fast mit Tränen in den Augen zeigte, was für eine Wespentaille sie mal hatte. Es ging nicht um die Taille. Heute weiss ich: Es ging um die Version von ihr, die sie war, als sie noch jung war. Als das Leben lebendig war. Als sie jemand war, bevor sie im Schatten meines Grossvaters unsichtbar wurde.
Irgendwie waren die Frauen in meiner Kindheit sehr wütend. Wütend auf sich. Wütend auf die Männer. Diese Wut wurde aber nie an die Menschen adressiert, die eigentlich die Empfänger hätten sein sollen. Nein. Es wurde immer nur im stillen Kämmerlein gejammert. Offiziell hat man den Schein gewahrt. War man die brave, angepasste Ehefrau. Wut hat man weggesperrt – und mit ihr das Kind, das diese Wut an die Oberfläche holte – für Generationen. Das Kind war ich.
So gut ich konnte, machte ich einen weiten Bogen um alles, was weiblich war. Zu unberechenbar waren mir die Frauen. Zu gemein. Ich begann mich sogar zu bemitleiden. Dass ich kein Junge war, fand ich tragisch traurig.
Also entschied ich mich, anders zu sein. Stärker. Eigenständiger. Mehr. Ich wusste nicht, dass ich damit weglief – nicht von „denen", sondern von mir selbst.

Der Wendepunkt
Es war die Geburt meines ersten Kindes, die alles veränderte. Sie hat mein Bild vom weiblichen Körper zerschlagen – im besten Sinne. Ich habe geboren. Es hat geboren. Diese unglaubliche Kraft ist einfach so durch meinen Körper geschossen und hat ein lebendiges Kind auf die Welt gebracht.
Ich habe mich monatelang gefühlt wie Wonderwoman, Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter zusammen. Alle Probleme schienen ganz weit weg – denn hei, ich hatte einen lebendigen Menschen auf die Welt gebracht. Nicht nur das. Ich ernähre diesen Menschen.
Ohne mich – rien ne va plus. Ohne die Frauen auf dieser Welt? Sieht's ziemlich düster aus.
Und zack – da war er wieder. Dieser Schmerz. Dieses undankbare, unsäglich lähmende Gefühl, unsichtbar zu sein, das ich aus meiner Kindheit kannte. Warum ist das, was wir tun, irgendwie immer so nebensächlich? Schwangerschaft, Geburt, Mutter sein wird als das Natürlichste der Welt abgekanzelt – und wir werden uns selbst überlassen.
Zwischen allen Stühlen und Bänken
Ja, es ist einsam als Mutter. Einsamer denn je. Man wandert auf ganz dünnem Eis. Jeder weiss, wie man es besser macht – und keiner sagt dir, dass egal, was du tust und wie du es tust, es falsch sein wird.
Bis zu dem Moment, wo du Mutter wirst, durchläufst du unzählige Prüfungen: In der Schule. Sogar fürs Motorradfahren hast du eine Prüfung abgelegt, geschweige denn, dass du fähig bist, ein Auto zu fahren oder deinen Beruf auszuüben. Du hast dich schön brav in der Gesellschaft eingegliedert, hast dich positioniert, deinen Weg gefunden. Und dann? Dann
kommt dieses Kind. Keiner prüft dich, ob du das richtig machst. Hei, es geht um ein Menschenleben. Ich meine, da steht schon ziemlich viel auf dem Spiel.
Ich spürte diese Ironie in jeder meiner Fasern. Jahrelang habe ich versucht, meine Intuition zu unterdrücken, weil sie mir im Weg stand, vorwärts zu kommen. Und jetzt? Jetzt kommen alle und wollen genau das von dir: „Hör auf dein Gefühl." „Du spürst schon, was dein Kind braucht. Vertrau darauf."
Und egal, was du tun wirst als Mutter, irgendjemanden wird es immer stören.
Nur Mama sein: Du verschenkst dein Potenzial. Arbeiten: Du vernachlässigst deine Kinder und bist geldgeil. Stillen: ja bitte, aber nur bis zum 6. Lebensmonat – alles darüber ist irgendwie grausig. Dich für dein Kind in der Schule stark machen: absolut verpönt!
Irgendwie scheint es mir, wird man nicht nur Mutter, sondern auch ein bisschen Freak. Und hei, wenn man wie ich neurodivergent unterwegs ist, mit Kindern, die vielleicht auch nicht unbedingt der Norm entsprechen, wird's ganz extraordinär.
Man versucht sein Bestes zu geben und nicht zu scheitern. Und dann sind da auch noch die Themen, die so allgegenwärtig sind: gesunde Bindung, bedürfnisorientiert, Nervensystem, regulieren, traumasensibel sein. Und wo habe ich Platz in dieser ganzen Geschichte?
Wir sind weniger geprägt von der Idee, wie eine Mutter zu sein hätte, als vielmehr von unseren eigenen Müttern – die vielleicht selbst völlig lost waren und ihren Kampf ganz alleine austrugen.

Die Mutterwunde
Und genau da beginnt der Part mit der Mutterwunde. Trauma entsteht dann, wenn ich mit dem Ereignis, das in mir etwas auslöst, allein gelassen werde.
Wenn ich heute mit Frauen arbeite, höre ich denselben Satz in tausend Variationen: „Meine Mutter hat ihr Bestes gegeben, aber..."
Und dann kommt es. Das, was gefehlt hat. Und meistens braucht es Monate, manchmal Jahre, bis sie sich da hin trauen. Die Mutter ist das Unantastbare in Familiendynamiken. Jeden darfst du zuerst bashen: das hyperaktive Kind, den Vater, der die Kinder im Stich liess, die Grosseltern, die sich zu sehr einmischten. Aber die Mutter? Nein. Die stellen wir nicht in Frage. Die hat immer das Beste gegeben, das sie konnte.
Und wenn das für dich nicht gut genug war? Dann warst du schuld. Dann bist du das undankbare Kind.
Doch viele Frauen (und Männer) leiden. Darüber, dass die Wärme nicht da war, die man gebraucht hätte. Über den leeren Blick, der nie sehen wollte, wer man wirklich ist. Die Worte, die nicht gesprochen wurden. Die Anerkennung, die ausblieb.
Das ist die Mutterwunde. Nicht die grosse Tragödie, sondern meistens das Leise. Das, was nicht stattfand. Und wir tragen sie weiter, ob wir wollen oder nicht – weil unsere Mütter ihre eigenen Wunden nie ansehen durften. Sie haben sie vererbt, weil ihre Mütter es genauso gemacht haben. Und deren Mütter. Eine Kette aus Frauen, die niemand gesehen hat – und die deshalb auch ihre Töchter nicht ganz sehen konnten.
Doch es findet ein Wandel statt. Ein Tabu wird gebrochen, denn wir Frauen, die wir heute leben, sind die ersten in dieser Linie, die anfangen, hinzuschauen. Das ist gleichzeitig Privileg und Bürde.
Und über allem schwebt: die Scham
Heute Mutter zu sein heisst, ständig irgendwo nicht ganz da zu sein. Im Job denke ich an die Kinder. Bei den Kindern denke ich an die Mails, die warten. In den seltenen Momenten, in denen ich endlich bei mir sein könnte, bin ich zu müde, um es zu spüren.
Und über allem schwebt: die Scham.
Die Scham, nicht genug zu sein. Nicht genug Mutter, nicht genug Frau, nicht genug Mensch. Die Scham, manchmal nicht zu wollen. Die Scham, zu vermissen, wer ich vor den Kindern war. Die Scham, am Spielplatz aufs Handy zu schauen statt im Sandkasten zu spielen. Die Scham darüber, dass die anderen Mütter es scheinbar besser hinkriegen.
Diese Scham ist nicht deine. Sie ist die Scham einer Kultur, die Frauen sagt: Du musst alles sein, alles können, alles geben – und sieh dabei bitte entspannt und hübsch und sexy aus. Es ist eine unmögliche Gleichung. Und die meisten von uns lösen sie, indem wir uns selbst verlieren.
Was ich meinen Töchtern geben will
Wenn ich meine Töchter anschaue, frage ich mich oft: Was muss ich werden, damit sie nicht das werden müssen, was ich war? Damit sie nicht mit dem Gefühl aufwachsen, dass Frausein etwas ist, vor dem man weglaufen muss?
Ich will, dass sie eine Mutter sehen, die nicht verschwindet. Die ihre eigene Geschichte hat. Die Lust auf das Leben hat, auch ausserhalb von ihnen. Die manchmal wütend ist, manchmal müde, manchmal still – und das nicht versteckt.
Ich will, dass sie eine Frau sehen, die nicht alles ist, aber die ganz sie selbst ist. Eine Frau, die keine leichte Kindheit hatte, die mit ihren eigenen Traumata gerungen hat und trotzdem nicht aufgibt. Eine Frau, die sich nicht versteckt vor der Welt.
Vielleicht ist das die einzige echte Aufgabe: ihnen ein Bild zu sein, an dem sie sich nicht abarbeiten müssen. Ihnen zu verstehen geben, dass sie nicht so sein müssen wie ich, sondern so, wie sie gedacht sind. So einzigartig wunderbar.

Und was hat das jetzt alles mit Mädchenkreisen zu tun, um Himmels willen?
Ich glaube, wir müssen den Begriff Mutter erweitern. Mutter sein heisst nicht nur, Kinder zu gebären und zu versorgen. Mutter sein heisst auch, Raum zu halten. Zeugin zu sein. Hüterin der Entfaltung derer, die nach uns kommen.
Das tun wir für unsere Kinder. Aber wir tun es genauso für unsere Schwestern, für unsere Freundinnen, für die Frauen in unseren Kreisen. Die mütterliche Kraft, die wir in uns tragen, gehört nicht nur unseren leiblichen Kindern. Sie gehört dem Leben.
Und vielleicht dürfen wir sie auch uns selbst schenken. Uns die Erlaubnis geben, die eigene Mutter in uns zu werden. Die, die uns liebevoll anschaut. Die, die uns sieht, auch wenn niemand sonst hinschaut. Die, die uns sagt: So wie du bist, bist du richtig.
Und ein Mädchenkreis ist vielleicht einer der ersten Orte ausserhalb der Beziehung zur Mutter, an dem junge, heranwachsende Mädchen genau diesen Raum spüren können. Wahrnehmen, wie sehr das trägt und hält. Wie sich jede einzelne darin gesehen fühlen kann. In ihrem ganz eigenen, feinen Wesen.
Das ist heilsam. Und das ist revolutionär.
Denn jede Frau, die heute ihre Mutterwunde anschaut, jede Mutter, die anders mit ihrer Tochter spricht als sie selbst angesprochen wurde, jede Schwester, die einer anderen in den Spiegel hält und sagt: „Ich sehe dich" – sie alle unterbrechen etwas. Eine Linie. Ein Muster. Ein Schweigen, das viel zu lange gedauert hat.
Und genau dort fängt etwas Neues an.
Und die 22-jährige Tanja? Die würde, wenn ich heute vor ihr stünde, wahrscheinlich erstmal die Stirn runzeln. Aber ich glaube, sie würde verstehen. Dass ich nicht das geworden bin, wovor sie weglief – sondern etwas, das sie sich damals nicht vorstellen konnte. Eine Frau, die ihre Kraft genau dort gefunden hat, wo sie sie nie vermutet hätte: im Mutterwerden. Im Hinschauen. Im Halten – auch des eigenen Schmerzes.
Nichts ist falsch gelaufen. Es musste genau so sein.

Über die Autorin
Tanja Suppiger ist feinSEIN® Mentorin, Autorin und Unternehmerin. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im Luzerner Seetal. Mit feinSEIN® hat sie Räume erschaffen, in denen feinfühlige Frauen ihre Geschichte ehren, ihr Nervensystem entlasten und das Schweigen brechen dürfen, das über Generationen weitergegeben wurde. Die Mutterwunde ist dabei nicht nur ein Thema – sie ist der Ursprung, von dem aus sie arbeitet. In der feinSEIN® Coach Ausbildung gibt sie weiter, was sie selbst gegangen ist: Traumaintegration und Nervensystemarbeit, die nicht reparieren wollen, sondern verbinden
Website: https://feinsein.ch/
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