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Mein Körper, meine Grenzen

11. Okt.
5 Min. Lesezeit

Umarmen, kitzeln, zusammen baden, einen Kuss auf die Wange: Zwischen kleinen Kindern und

ihren Eltern ist das meistens ganz selbstverständlich. Doch wenn die Pubertät anfängt und sich

der Körper verändert, ändert sich oft auch das Bedürfnis nach Nähe. Was gestern noch schön

war, fühlt sich plötzlich komisch an.


Mit diesem Beitrag greife ich das Blogthema von Jrina zum Thema Embodiment vom September

auf und vertiefe das Thema Grenzen.


Begriffsklärung: Die Pubertät meint die körperlichen Veränderungen. Die Adoleszenz umfasst die ganzheitliche Entwicklung, geistig, seelisch und körperlich vom Kind zum Erwachsenen. Dabei steht auch die Identitätsfindung im Zentrum: Wer bin ich, und was ist mir wichtig? Im folgenden Text gehe ich auf verschiedene Sichtweisen ein, vom Mädchen, zu den Eltern, zu den

Mädchenkreisleiterinnen und nehme Bezug zum Thema Grenzen.


Pubertät


Sicht der Jugendlichen: «Ich verstehe mich manchmal selbst nicht mehr»


Ich bin verwirrt 

In der Pubertät und Adoleszenz passiert enorm viel. Ich brauche jetzt mehr Rückzug. Ich schlafe  lange und dusche lange. Ich liege vielleicht stundenlang auf dem Bett, höre Musik oder  Geschichten, lese oder träume vor mich hin. Meine Eltern sagen, ich sei plötzlich so gelangweilt  und ständig am Chillen. Ja, sie kommen noch nicht damit klar, dass ich jetzt ein Teenie bin. Sie  meinen ich sei gelangweilt. Aber ich bin in einem wichtigen Prozess: verlangsamen,  wahrnehmen, in mich hineinhorchen. Bei zu wenig Rückzugsmöglichkeiten oder Zeit für mich, da explodiere ich rasch und weiss oft gar nicht so genau warum. 


Ich fühle mich wie eine Raupe, die sich in ihren Kokon zurückzieht. Einwickeln in eine Decke  kann sehr hilfreich sein, damit ich mich selbst wieder gut spüre. 


Ich möchte herausfinden, was ich will 

Der Rückzug hilft mir, die Verwirrung über meine eigenen körperlichen und persönlichen  Veränderungen anzunehmen und einzuordnen: dass ich plötzlich so gross bin, anders rieche,  meine Brust wächst – das alles ist für mich verwirrend und oft überfordernd. Im Austausch mit  anderen Mädchen erfahre ich von ihnen, wie sie damit umgehen und ja, auch Social Media hilft  mir manchmal herauszufinden, was ich will und was ich sicher nicht will.  



Wie können Eltern ihre Tochter im Thema Grenzen stärken? 


Auf einmal zieht sich deine Tochter zurück, ist weniger aktiv und es kann sich anfühlen, als wolle  sie nichts mehr mit dir zu tun haben, obwohl du es bestimmt gut mit ihr meinst. Das  auszuhalten ist nicht leicht. Daraus ergeben sich oft auch Konflikte. Sie entstehen dort, wo  verschiedene Bedürfnisse aufeinanderprallen. Konflikte zuzumuten, anstatt zu vermeiden gibt  deiner Tochter ein gutes Übungsfeld, um die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu formulieren und um Lösungen zu finden. 


Ein paar Ideen und Reflexionsfragen, die für dich als Mutter hilfreich sein könnten: 


• Bedürfnisse benennen: Ich als Mutter gebe meinen eigenen Empfindungen,  Bedürfnissen und Grenzen Worte. Zum Beispiel: «Ich brauche jetzt einen Moment für  mich. Ich brauche Bewegung/Ruhe/Schlaf…» Es gibt Raum für die Bedürfnisse anderer.  Wir müssen nicht immer alle zusammen (als Familie).


• Paar sein: Ein Mädchen lernt von seiner Mutter, wie das Paarleben aus Sicht der Frau funktioniert. Es nimmt diese Frauenrolle aus der Kindheit mit in ihre künftigen  Beziehungen. Auch wenn es während der Pubertät scheint, dass du als Mutter keine  Ahnung hast von ihrem Leben, schaut deine Tochter ganz genau hin wie du dich als  Partnerin gibst. Wie du deine Bedürfnisse und Grenzen in der Partnerschaft lebst. 


• Ich als Frau: gebe z.B. meinen Mondtagen Bedeutung und Raum für Rückzug, Ruhe oder  das, was gerade wichtig ist. Ich spreche offen über meine Erfahrungen und die  körperlichen Veränderungen. Oft ist das Sprechen über eigenes eine Einladung an deine  Tochter, über ihr Befinden zu sprechen und einladender als direktes Fragen. 


• Körperteile beim Namen nennen: Gerade in der Pubertät ist das wichtig. Dazu lohnt  sich die Frage an dich selbst: Was ist für mich schambehaftet? Welche Wörter passen  für mich, welche nicht? (zum Beispiel Vulva, Vagina, Scharmlippen, Klitoris, Brust,  Gebärmutter, Scharmhaare). Ist ein gemeinsames Wording vorhanden, fällt es viel  leichter etwas beim Namen zu nennen. Dabei helfen auch Fachbücher oder  Kinderbücher wie: «Lina, die Entdeckerin». 


• Scham abbauen: Mit einer offenen Haltung: «Ich bin für dich da. Du kannst mit allen  Fragen zu mir kommen, auch zur körperlichen Veränderung und zur Sexualität.» 


• Präsent sein: gemeinsame Zeit planen (Tee trinken, backen, kreativ sein…), Gespräche  entstehen in diesem Alter oft dann, wenn wir es nicht erwarten (spät abends vor dem zu  Bett gehen, auf der Fahrt zum Training…). 


• Grenzen konkret: «Ist es für dich okay, wenn ich dich umarme? Wenn ich dir einen Kuss  gebe? Wenn die WC-Tür offen ist? Was ist für dich in Ordnung?» Hilfreiches Buch dazu:  «ist das okay» (siehe Literaturhinweis am Ende des Blogs). 


Diese Überlegungen und Fragen können hilfreich sein damit deine Tochter ihre körperlichen Veränderungen wahrnehmen und integrieren kann und lernt die eigenen Bedürfnisse und  Grenzen darauf abzustimmen. Es ist ein wichtiges Übungsfeld im Hinblick auf einen  fürsorglichen Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität.



Für Mädchenkreisleiterinnen: Grenzen setzen üben


Mindestens jede fünfte Frau in der Schweiz hat schon ungewollte sexuelle Handlungen erlebt  (gfs.bern/Amnesty Schweiz, 2019), und viele haben nie darüber gesprochen, deshalb ist es so  wichtig, Mädchen früh in ihrem Grenzgefühl zu stärken. 


Gespräch anhand von Alltagssituationen 

Im Buch «Ist das okay?» werden Situationen aus dem Alltag aufgezeigt, in denen es darum geht,  auch gegenüber nahestehenden Menschen Grenzen zu setzen, zum Beispiel: 

• Beim Umziehen 

• Beim Kitzeln 

• Beim Küssen 

• Gemeinsam baden oder duschen 

• und weitere 


In der Gruppe können die Mädchen darüber sprechen: 

• Wie ist das bei mir? 

• Was ist für mich stimmig? 

• Wie kannst du stopp sagen?


Dabei zeigt sich: Die Mädchen werden sensibilisiert, Verantwortung für ihren eigenen Körper zu  übernehmen und wahrzunehmen, was stimmig für sie ist. Ebenso können sie darin unterstützt  werden, Stopp zu sagen, Grenzen zu setzen und die eigenen Bedürfnisse zu formulieren und für sie einzustehen. Dies unterstütz ein gesundes Körpergefühl und wirkt präventiv gegen  sexualisierte Gewalt. 


Wie nehme ich Einfluss auf eine Berührung: eine Übung zu zweit 

Die Mädchen bilden Zweiergruppen: 

1. Mädchen 1 fragt: «Wo möchtest du von mir berührt werden?» 

2. Mädchen 2 sagt, wo (zum Beispiel an den Füssen). 

3. Mädchen 1 spürt nach, ob sie das andere Mädchen dort berühren möchte, und sagt Ja  oder Nein. Bei Nein darf Mädchen 2 eine andere Körperstelle nennen. 

4. Wenn beide einverstanden sind, findet die Berührung statt. 

5. Mädchen 2 erzählt: «Wie fühlt sich diese Berührung an?» 

6. Mädchen 1 erzählt: «Wie fühlt es sich an, diese Berührung zu geben?» 7. Beide prüfen: Stimmt es immer noch für uns? 

8. Danach wechseln die Rollen. 

9. Am Schluss tauschen sich alle über ihre Erfahrungen aus und bedanken sich  beieinander. 



Buchtipp für Eltern und Fachpersonen: «Ist das okay?» 


Buch " Ist das okay?"

Das Kinderfachbuch von Agota Lavoyer und Anna-Lina Balke zeigt anhand vertrauter  Alltagsszenen, wie Eltern und Fachpersonen mit Kindern über sexualisierte Gewalt sprechen  können. Gemeinsam wird geprüft: Ist das okay, oder überschreitet es eine Grenze? Kinder lernen  so, Grenzverletzungen zu erkennen und anzusprechen, und Erwachsene erhalten Informationen  und einen Überblick über mögliche Massnahmen. Das Buch ist für Kinder ab 6 Jahren gedacht,  eignet sich aber auch für den Übergang ins Jugendalter. 


Martina Rüttimann

Martina Rüttimann 


Praxis für Beratung und Coaching

Menschen faszinieren mich: wie sie ihr Leben gestalten und an ihren Herausforderungen  wachsen. In meiner Praxis begleite ich Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Paare und Familien  dabei, ihre Situation besser zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und neue  Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei interessiert mich nicht nur das, was schwierig ist,  sondern auch das, was bereits da ist: Erfahrungen, Stärken und Ressourcen, auf denen  Veränderung wachsen kann. Ich begleite Menschen achtsam, ermutigend und mit einer grossen Portion Gelassenheit.

 
 
 

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