Mein Körper, meine Grenzen
Umarmen, kitzeln, zusammen baden, einen Kuss auf die Wange: Zwischen kleinen Kindern und
ihren Eltern ist das meistens ganz selbstverständlich. Doch wenn die Pubertät anfängt und sich
der Körper verändert, ändert sich oft auch das Bedürfnis nach Nähe. Was gestern noch schön
war, fühlt sich plötzlich komisch an.
Mit diesem Beitrag greife ich das Blogthema von Jrina zum Thema Embodiment vom September
auf und vertiefe das Thema Grenzen.
Begriffsklärung: Die Pubertät meint die körperlichen Veränderungen. Die Adoleszenz umfasst die ganzheitliche Entwicklung, geistig, seelisch und körperlich vom Kind zum Erwachsenen. Dabei steht auch die Identitätsfindung im Zentrum: Wer bin ich, und was ist mir wichtig? Im folgenden Text gehe ich auf verschiedene Sichtweisen ein, vom Mädchen, zu den Eltern, zu den
Mädchenkreisleiterinnen und nehme Bezug zum Thema Grenzen.

Sicht der Jugendlichen: «Ich verstehe mich manchmal selbst nicht mehr»
Ich bin verwirrt
In der Pubertät und Adoleszenz passiert enorm viel. Ich brauche jetzt mehr Rückzug. Ich schlafe lange und dusche lange. Ich liege vielleicht stundenlang auf dem Bett, höre Musik oder Geschichten, lese oder träume vor mich hin. Meine Eltern sagen, ich sei plötzlich so gelangweilt und ständig am Chillen. Ja, sie kommen noch nicht damit klar, dass ich jetzt ein Teenie bin. Sie meinen ich sei gelangweilt. Aber ich bin in einem wichtigen Prozess: verlangsamen, wahrnehmen, in mich hineinhorchen. Bei zu wenig Rückzugsmöglichkeiten oder Zeit für mich, da explodiere ich rasch und weiss oft gar nicht so genau warum.
Ich fühle mich wie eine Raupe, die sich in ihren Kokon zurückzieht. Einwickeln in eine Decke kann sehr hilfreich sein, damit ich mich selbst wieder gut spüre.
Ich möchte herausfinden, was ich will
Der Rückzug hilft mir, die Verwirrung über meine eigenen körperlichen und persönlichen Veränderungen anzunehmen und einzuordnen: dass ich plötzlich so gross bin, anders rieche, meine Brust wächst – das alles ist für mich verwirrend und oft überfordernd. Im Austausch mit anderen Mädchen erfahre ich von ihnen, wie sie damit umgehen und ja, auch Social Media hilft mir manchmal herauszufinden, was ich will und was ich sicher nicht will.
Wie können Eltern ihre Tochter im Thema Grenzen stärken?
Auf einmal zieht sich deine Tochter zurück, ist weniger aktiv und es kann sich anfühlen, als wolle sie nichts mehr mit dir zu tun haben, obwohl du es bestimmt gut mit ihr meinst. Das auszuhalten ist nicht leicht. Daraus ergeben sich oft auch Konflikte. Sie entstehen dort, wo verschiedene Bedürfnisse aufeinanderprallen. Konflikte zuzumuten, anstatt zu vermeiden gibt deiner Tochter ein gutes Übungsfeld, um die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu formulieren und um Lösungen zu finden.
Ein paar Ideen und Reflexionsfragen, die für dich als Mutter hilfreich sein könnten:
• Bedürfnisse benennen: Ich als Mutter gebe meinen eigenen Empfindungen, Bedürfnissen und Grenzen Worte. Zum Beispiel: «Ich brauche jetzt einen Moment für mich. Ich brauche Bewegung/Ruhe/Schlaf…» Es gibt Raum für die Bedürfnisse anderer. Wir müssen nicht immer alle zusammen (als Familie).
• Paar sein: Ein Mädchen lernt von seiner Mutter, wie das Paarleben aus Sicht der Frau funktioniert. Es nimmt diese Frauenrolle aus der Kindheit mit in ihre künftigen Beziehungen. Auch wenn es während der Pubertät scheint, dass du als Mutter keine Ahnung hast von ihrem Leben, schaut deine Tochter ganz genau hin wie du dich als Partnerin gibst. Wie du deine Bedürfnisse und Grenzen in der Partnerschaft lebst.
• Ich als Frau: gebe z.B. meinen Mondtagen Bedeutung und Raum für Rückzug, Ruhe oder das, was gerade wichtig ist. Ich spreche offen über meine Erfahrungen und die körperlichen Veränderungen. Oft ist das Sprechen über eigenes eine Einladung an deine Tochter, über ihr Befinden zu sprechen und einladender als direktes Fragen.
• Körperteile beim Namen nennen: Gerade in der Pubertät ist das wichtig. Dazu lohnt sich die Frage an dich selbst: Was ist für mich schambehaftet? Welche Wörter passen für mich, welche nicht? (zum Beispiel Vulva, Vagina, Scharmlippen, Klitoris, Brust, Gebärmutter, Scharmhaare). Ist ein gemeinsames Wording vorhanden, fällt es viel leichter etwas beim Namen zu nennen. Dabei helfen auch Fachbücher oder Kinderbücher wie: «Lina, die Entdeckerin».
• Scham abbauen: Mit einer offenen Haltung: «Ich bin für dich da. Du kannst mit allen Fragen zu mir kommen, auch zur körperlichen Veränderung und zur Sexualität.»
• Präsent sein: gemeinsame Zeit planen (Tee trinken, backen, kreativ sein…), Gespräche entstehen in diesem Alter oft dann, wenn wir es nicht erwarten (spät abends vor dem zu Bett gehen, auf der Fahrt zum Training…).
• Grenzen konkret: «Ist es für dich okay, wenn ich dich umarme? Wenn ich dir einen Kuss gebe? Wenn die WC-Tür offen ist? Was ist für dich in Ordnung?» Hilfreiches Buch dazu: «ist das okay» (siehe Literaturhinweis am Ende des Blogs).
Diese Überlegungen und Fragen können hilfreich sein damit deine Tochter ihre körperlichen Veränderungen wahrnehmen und integrieren kann und lernt die eigenen Bedürfnisse und Grenzen darauf abzustimmen. Es ist ein wichtiges Übungsfeld im Hinblick auf einen fürsorglichen Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität.
Für Mädchenkreisleiterinnen: Grenzen setzen üben
Mindestens jede fünfte Frau in der Schweiz hat schon ungewollte sexuelle Handlungen erlebt (gfs.bern/Amnesty Schweiz, 2019), und viele haben nie darüber gesprochen, deshalb ist es so wichtig, Mädchen früh in ihrem Grenzgefühl zu stärken.
Gespräch anhand von Alltagssituationen
Im Buch «Ist das okay?» werden Situationen aus dem Alltag aufgezeigt, in denen es darum geht, auch gegenüber nahestehenden Menschen Grenzen zu setzen, zum Beispiel:
• Beim Umziehen
• Beim Kitzeln
• Beim Küssen
• Gemeinsam baden oder duschen
• und weitere
In der Gruppe können die Mädchen darüber sprechen:
• Wie ist das bei mir?
• Was ist für mich stimmig?
• Wie kannst du stopp sagen?
Dabei zeigt sich: Die Mädchen werden sensibilisiert, Verantwortung für ihren eigenen Körper zu übernehmen und wahrzunehmen, was stimmig für sie ist. Ebenso können sie darin unterstützt werden, Stopp zu sagen, Grenzen zu setzen und die eigenen Bedürfnisse zu formulieren und für sie einzustehen. Dies unterstütz ein gesundes Körpergefühl und wirkt präventiv gegen sexualisierte Gewalt.
Wie nehme ich Einfluss auf eine Berührung: eine Übung zu zweit
Die Mädchen bilden Zweiergruppen:
1. Mädchen 1 fragt: «Wo möchtest du von mir berührt werden?»
2. Mädchen 2 sagt, wo (zum Beispiel an den Füssen).
3. Mädchen 1 spürt nach, ob sie das andere Mädchen dort berühren möchte, und sagt Ja oder Nein. Bei Nein darf Mädchen 2 eine andere Körperstelle nennen.
4. Wenn beide einverstanden sind, findet die Berührung statt.
5. Mädchen 2 erzählt: «Wie fühlt sich diese Berührung an?»
6. Mädchen 1 erzählt: «Wie fühlt es sich an, diese Berührung zu geben?» 7. Beide prüfen: Stimmt es immer noch für uns?
8. Danach wechseln die Rollen.
9. Am Schluss tauschen sich alle über ihre Erfahrungen aus und bedanken sich beieinander.
Buchtipp für Eltern und Fachpersonen: «Ist das okay?»

Das Kinderfachbuch von Agota Lavoyer und Anna-Lina Balke zeigt anhand vertrauter Alltagsszenen, wie Eltern und Fachpersonen mit Kindern über sexualisierte Gewalt sprechen können. Gemeinsam wird geprüft: Ist das okay, oder überschreitet es eine Grenze? Kinder lernen so, Grenzverletzungen zu erkennen und anzusprechen, und Erwachsene erhalten Informationen und einen Überblick über mögliche Massnahmen. Das Buch ist für Kinder ab 6 Jahren gedacht, eignet sich aber auch für den Übergang ins Jugendalter.

Martina Rüttimann
Praxis für Beratung und Coaching
Menschen faszinieren mich: wie sie ihr Leben gestalten und an ihren Herausforderungen wachsen. In meiner Praxis begleite ich Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Paare und Familien dabei, ihre Situation besser zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei interessiert mich nicht nur das, was schwierig ist, sondern auch das, was bereits da ist: Erfahrungen, Stärken und Ressourcen, auf denen Veränderung wachsen kann. Ich begleite Menschen achtsam, ermutigend und mit einer grossen Portion Gelassenheit.




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